Der siebente Tag, Mittwoch

Ein echter Faulenzertag! Angesichts des stürmigen, teils regnerischen Wetters (es gab sogar einen Hagelschauer trotz >20 Grad Außentemperatur) war das aber ganz passend. Also ausschlafen, frühstücken, Nachmittagsschläfchen, einkaufen, drei Stunden ausgiebig mit Freunden kochen und essen und nochmal ausruhen vor dem abendlichen Ausflug haben den Tag gefüllt.

Wir gingen nochmal ins La Viruta. Was für ein Kontrast zu der Party-artigen Stimmung am Samstag! Wir kamen gegen Mitternacht an, niemand empfing uns um Eintritt zu kassieren oder uns zu platzieren. Als wir etwas unentschlossen zwischen den Tischen standen, erbarmte sich aber eine Kellnerin, uns einen Tisch vorzuschlagen, der dicht an der Tanzfläche stand. Ich freute mich kurz, dass wir diesmal nicht mehr in der hintersten (dritten) Tischreihe sitzen mussten, sondern in die zweite Tischreihe „hochgestuft“ wurden. Ha, wie albern! Nur jeder fünfte Tisch war überhaupt besetzt und auf der Tanzfläche fühlte man sich anfangs schon ganz schön zur Schau gestellt. Nach einer Weile kamen noch ein paar weitere Besucher, aber es erreichte gerade mal die Fülle, dass es sich nicht mehr leer anfüllte, sondern wie in der Anfangsphase einer Milonga, in der man noch viel Platz zum Tanzen hat, aber weiß, dass es in einer Stunde knackevoll sein wird. Nur dass es nie voll wurde. Es blieb etwa so, dass die Hälfte der Tische besetzt war. Die Tänzer tanzten größtenteils nur mit dem Partner und wechselten so gut wie gar nicht durch. Die Musik kam überraschenderweise auch aus der Konserve, ein DJ war jedenfalls weit und breit nicht zu sehen und es gab zwar Tandas, aber keine Cortinas.

Wir vermuten, dass es weniger eine Milonga als eine Art freie Übungszeit nach den vorherigen Unterrichtsstunden sein sollte. Im Laufe des Abends hielt sich die Zahl der Leute, die gingen und kamen die Waage. Ab ca. 2 Uhr fiel auf, dass vermehrt sehr fortgeschrittene Tänzer ein paar Runden drehten, aber auch hier ohne groß Partner zu wechseln. Da zudem die Klimaanlage unverhältnismäßig stark eingestellt war, gingen wir relativ früh wieder nach Hause. Trotzdem fand ich es interessant, mal mit eigenen Augen zu sehen, wie krass unterschiedlich die Atmosphäre an derselben Location an verschiedenen Abenden bei verschiedenen Veranstaltern sein kann. Man hört es hier oft, aber so richtig glaubt man es erst, wenn man es selbst mal erlebt hat.

Der sechste Tag, Dienstag

Der Rosengarten „El Rosedal de Palermo“ war heute 

unser erstesAusflugsziel. Hier macht es Spaß, ziellos herumzuschlendern, an den Rosen zu schnuppern, sich am Springbrunnen etwas Wasser auf die Haut zu spritzen oder sich im Schatten der Bäume auf die Wiese zu legen und etwas vor sich hin zu dösen. Auch Gänsejagd bietet sich hier an, aber Vorsicht, sie sind in der Überzahl!

Anschließend zeigte uns Anke im Zentrum noch eine tolle Ecke für alle, die Tangoschuhe einkaufen wollen und lauffaul sind: An der Suipacha 263 gibt es Falabella, daneben Todo Tango und direkt gegenüber das Suipacha256 (der Name ist die Adresse) für Tangoschuhe und -kleidung. Die Auswahl an Schuhen ist sowohl für Damen als auch für Herren riesig, aber alle Läden haben auch ein paar Klamottenständer mit drin. Sam hat im Suipacha auch ein Paar samtige, nachtblaue Tanzschuhe erstanden. Da wir sowieso schonmal unterwegs waren, zogen wir noch ein Stück weiter.

Man soll nicht glauben, dass alle Tangoklamotten in Buenos Aires brav in gut beschilderten Läden hängen. Wir hatten eine Empfehlung und eine Adresse für 4corazones, das nur an zwei Tagen pro Woche ein paar Stunden geöffnet hat. Die Adresse war auffindbar, aber an der Stelle nur eine größtenteils verdeckte Fensterscheibe mit allerlei Zetteln dran, doch nirgendwo stand 4corazones. Wir sind nochmal die Straße hoch und runter getigert, um zu schauen, ob wir etwas übersehen hatten, standen dann aber doch wieder vor dem zugeklebten Schaufenster, wo mir zuvor ein Zettel ins Auge gefallen war, auf dem etwas von „cursos de tango“ stand. Also betätigten wir auf gut Glück die einzige Klingel an dem Hauseingang. Jemand nahm ab, wir verstanden nichts, stammelten dann mehr schlecht als recht ein „4 corazones…?“ zusammen und bekamen eine Antwort, die in der Betonung für mich eher so klang, als wären wir falsch. Trotzdem hörten wir nach ein paar Sekunden den Summer der Nebentür und traten ein. Eine Frau fing uns ab – „cuatro corazones?“ – und führte uns in einem kleinen Raum im hinteren Teil des Gebäudes. Dort standen ein paar Kleiderstände mit Herrenhosen und Damen-Tangobekleidung, irgendwo hing auch ein Schild mit dem Emblem des „Ladens“ und ein Mann, der des Englischen mächtig war, empfing uns freundlich. Es stellte sich heraus, dass der Raum quasi das Hinterzimmer einer kleinen Tanzschule war. Die Aufregung hat sich letztendlich aber gelohnt: Das kleine Angebot umfasste ein paar sehr schöne Teile, die deutlich günstiger waren als was wir uns bisher in den Läden angeschaut haben (Größenordnung: ca. 40 statt 70-90 Euro für ein Tangokleid oder eine Herren-Tangohose). Eine Tangohose, zwei Kleider und zwei Nähinspirationen für Tangooberteile reicher (saß nicht perfekt, aber vielleicht kriege ich das Design ja selbst umgesetzt, ein bisschen Größenwahnsinn muss sein!) verließen wir den kleinen Laden wieder. Schräg gegenüber war auch gleich eine Schneiderei, bei der wir Sams Hose zum Kürzen abgeben konnten.

Ein kleiner Tipp noch zur Finanzierung: Fast alle Schuh- und Klamotten-Läden (selbst so einer) nehmen Dollar und Euro genauso gerne an wie Pesos: Bei uns haben sie den Preis immer zum tagesaktuellen Wechselkurs umgerechnet, ohne Aufpreis. Bei Zahlung mit Kreditkarte wird aber häufig etwas mehr verlangt (ca. 10% glaube ich), also besser zum Shoppen mit Barem ausstatten.

Zwei Blöcke weiter sollte es laut Hoy Milonga auch noch Tangomode von Clara Tango geben. Auch hier musste man wissen, wo man hinwollte. Wir hatten leider die genaue Wohnungsnummer nicht aufgeschrieben. Der Hausaufgang hatten 6 Klingeln und nirgendwo stand ein Name dran. Ziellos drückte ich eine davon, ein Mann ging ran und ich versuchte erneut mein Glück, indem ich einfach nur nach „Carla Tango…?“ fragte. Auch hier klang die Antwort nicht so, als wären wir richtig, aber auch hier wurde die Tür mit summendem Ton freigegeben. Da sich im Erdgeschoss nichts bewegte, kletterten wir die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort stand ein älterer Mann in seiner Haustür. Er erklärte mir geduldig und mit hilfreichen Gesten, dass ich noch ein Stockwerk über ihn müsste, zu der Wohnung genau über seiner. Die Leute sind echt superlieb und hilfsbereit hier!  Im zweiten Stock stand neben einer Wohnungstür tatsächlich ein Schildchen „Carla Tango“ und eine junge Tangotänzerin ließ uns herein. In ihrem großen, lichtdurchfluteten Wohnzimmer hingen verschiedene Modelle von Tangokleidern und -röcken, die das Tänzerinnenherz erfüllten. Man erkannte schon einige Stoffe aus anderen Läden wieder, aber die Modelle waren wohl ihre eigenen. Kleines Detail am Rand: Die Anprobe fand in der durch einen Raumteiler abgetrennten Küche stand. 🙂 Für mich blieb es bei einem Frühlingsrock. Trotz der etwas versteckten Lage und der begrenzten Auswahl kann ich sowohl 4corazones als auch Carla Tango sehr empfehlen, da beide viele schöne Modelle hatten und für Tangomode vergleichsweise günstig waren. Jetzt reicht es aber wirklich mit der Einkauferei!

Am Abend zogen wir noch zu der bekannten Milonga El Beso. Um die quadratische, steinerne Tanzfläche herum wurden Herren und Damen separat platziert: Jeweils an den zwei gegenüberliegenden Seiten dasselbe Geschlecht, so dass man nach recht und links schauend potentielle Tanzpartner im Blick hatte. Es war schon ziemlich voll bei unserer Ankunft, so dass Anke und ich in der zweiten Reihe und unsere Begleiter ganz hinten in einer Ecke untergebracht wurden. Denkbar unglückliche Ausgangspunkte für Cabeceos. Trotzdem haben wir Frauen überraschend viele Tandas auf der Fläche verbringen können. Es gab eine faire Aufteilung: Anke schnappte sich die Portenos, ich erwischte hauptsächlich Ausländer und Besucher (Italiener, Argentinier aus anderen Provinzen, u.a.).

Die Tänze waren gut. Trotzdem war ich am Ende des Abends nicht völlig überzeugt von der Milonga. Die Musikanlange war übersteuert und schlecht eingestellt. Als wir ankamen wurde eine Milongatanda gespielt, danach haben wir in den nächsten drei oder vier Stunden weder Vals noch Milonga gehört.

Eine Bier für zwei im El Beso – natürlich im Bierflaschenkühler, da sich die hiesigen 1l Flaschen zu schnell erwärmen

Sam bemängelte auch zutiefst unglücklich, dass auch zwischen den Tangotandas kaum Abwechslung war. Als wir das unseren guten Seelen der Pension erzählten, waren diese jedoch ziemlich überrascht, vielleicht haben wir musikalisch nur einen schlechten Tag erlebt. Die getrennte Platzierung hat an diesem Ort auf mich den Eindruck gemacht, als würden alle, die noch sitzen, sich die größte Mühe geben, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie leider wieder niemanden abbekommen haben. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Schon allein wegen der übereifrigen Klimaanlage war es mir selbst aber wichtig, viel in Bewegung zu sein. Insgesamt war es also tänzerisch für uns Mädels gut gelaufen, aber es wird mich in den nächsten zwei Wochen wohl nicht nochmal dort hinziehen.

Der vierte Tag, Sonntag

Trotz der langen Nacht standen wir am Sonntag schon kurz nach elf in den Startlöchern, denn der Markt in Monserrat/San Telmo, der sich von der Plaza de Mayo die Defensa hinunter bis zur Plaza Dorrego erstreckte, sollte in den frühen Stunden am schönsten sein. Es gab Vieles und noch viel mehr: Lederjacken, -gürtel und -taschen traf man zuhauf, Bilder verschiedenster Kunstrichtungen, Kästchen, Deko-Klimbim, viel Selbstgebasteltes (z.B. Schachteln aus alten Audiokassetten oder Schallplatten), Mate und Matebecher, T-Shirts, Souvenirs, Holz- und Metallwaren, Schmuck, Glasteller, Karaffen, usw. Es hat uns positiv überrascht, dass nur sehr wenige Stände die typischen China-Waren anboten. Dagegen war lokales Handwerk und Garagenbastelei stark vertreten, so dass es eine Freude war,

Straßenmusiker mit Dixiesound auf dem Markt

hindurchzuschlendern. An fast jeder Kreuzung, die man überquerte, standen kleine Wagen, die gebrannte Erdnüsse, frisch gepressten Orangensaft (man, war das wieder gut!) oder Empanadas verkauften. Am Ende des Marktes, auf dem Plaza Dorrego, gesellten wir uns für einige Minuten zu den Schaulustigen, die die Straßentangoshow bewunderten. Zwischendurch gab es auch eine kleine Gitarreneinlage. Auf der Suche nach einem Taxi kamen wir noch an einem winzigen Stand (also ein Tisch und eine Kühlbox) vorbei, an dem uns eine junge Frau erst auf Spanisch, dann auf Englisch und zum Schluss auf Französisch ihren französischen Ziegenkäse anpries und verkosten ließ. Damit war auch gleich das Abendessen gesichert.

Auf Empfehlung von Anke und Lutz gingen wir abends auf die Milonga in der Villa Malcolm. Wir konnten nicht ahnen, dass bereits im Taxi das Highlight unseres Abends auf uns warten würde! Kurz nachdem wir losgefahren war, fragte der Taxifahrer „Tango?“. Als wir bejahten, stellte er „Viejo rincón“ an und plötzlich brach aus ihm ein kräftiger, herzzerreißender, melancholischer und leidenschaftlicher Gesang hervor, dass es uns einfach umhaute!!! Er saß dabei auch nicht mehr ruhig da, es schien als würde jede Faser seines Körpers beteiligt sein, als stünde er auf einer Bühne und hätte nur diese eine Chance, das Herz seiner großen Liebe zu gewinnen. Das klingt übertrieben, aber er sang so inbrünstig, so selbstvergessen, dass man es wirklich nicht anders beschreiben kann (und ich schon Angst hatte, dass er vergessen könnte, dass er gerade ein Taxi zu steuern hat). Zudem sang er extrem gut, professionell, schätzten wir. Vermutlich sang er seit Jahren in einem Tango-Ensemble, musste sich aber mit dem Taxifahren den Lebensunterhalt verdienen. Nun, unser enthusiastisches Trinkgeld hat sicherlich einen Beitrag dazu geleistet.

In der Villa Malcolm hatten schon vier weitere Deutsche aus unserer Unterkunft eine kleine Tischreihe für uns organisiert. Die Villa Malcolm hat mich vom Flair her eher an eine schickere Turnhalle als an eine Villa erinnert, abgesehen von der Bühne. Vermutlich ein Gemeindesaal. Da wir sehr früh dort waren, konnten wir noch die letzten Minuten der vorherigen Praktika beobachten. Man sollte meinen, dass man dabei endlich auch ein paar weniger gute Tänzer sehen würde, aber weit gefehlt! Das Tanzniveau war wieder ziemlich gut, bis auf vereinzelte Ausnahmen. Ebenso auf der Milonga. Allerdings war hier die Atmosphäre nicht sehr förmlich, viele tanzten in besserer Alltagskleidung. Zudem sahen wir hier zum ersten Mal auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare. Die eine führende Dame trug ein schönes Shirt mit der Aufschrift: „Follow me – You gonna like it.“. Schöne Idee. Zumal sie einen wunderbar fließenden kraftvollen Tanzstil hatte. Ich hätte es gerne gewagt, aber sie war wohl nur zum Üben mit ihrer Tanzpartnerin da, jedenfalls verschwand sie nach der Praktika und der ersten halben Stunde Milonga und ward nicht mehr gesehen.

Villa Malcom

Interessant war auch die Beobachtung der Taxitänzer. Eine sehr kleine Frau hat auffällig viel mit einem sehr gut gekleideten, zwei Köpfe größeren Herren getanzt, der für den Rest der Damenwelt nicht verfügbar war. Zwei weitere Taxitänzer saßen an einem Tisch mit vier schwarz gekleideten jungen Argentinierinnen, die zu Besuch in ihrer Hauptstadt waren und trotz ihrer sehr geringen Tangoerfahrung schonmal etwas Milongaluft schnappen wollten. Die Herren taten dem aufmerksamen Beobachter manchmal schon etwas Leid, aber sie ließen sich nichts anmerken. Sehr professionell.

Unsere Damen kamen außerhalb unserer Truppe kaum zum Tanzen. Wir saßen in unserer Ecke sehr ungünstig, da in näherer Reichweite kaum Herren waren und wir als Gruppe wahrscheinlich eh in die Kategorie „Die wollen eh nur unter sich tanzen“ gesteckt wurden. Ich selbst habe mir zumindest einen Tanz errettet, indem ich wie zufällig genau zum Anfang einer Tanda von der Toilette zurückkehrte und dabei durch den Bereich ging, wo der Großteil der Herren saß und stand. Es wurde ein großer Chinese mit unglaublich schwungvollem, modernem Tanzstil, der Fliehkräfte liebte und bei dem mir glatt ein bisschen schwindelig wurde. Herausfordernd und interessant. Insgesamt war der Abend aber damit nicht allzu erfüllen gewesen. Tant pis, c’est la vie!

Der dritte Tag, Samstag

Den Samstag begannen wir mit einer kleinen Erkundung unseres Nachbarviertels, Palermo Viejo, das in seinem Zentrum durch einen kleinen

Irish Pub in Palermo Viejo

Markt um den Plaza Serrano und eine hohe Dichte an kleinen Restaurants und Cafés auszeichnete. In der Nähe der Ecke Praguay/Jorge Luis Borges entdeckte ich einen kleinen, von Vietnamesen (so schätze ich) geführten vegetarischen Take-Away-Laden, aus dem ich mir vorsichtshalber gleich ein paar nicht immer eindeutig identifizierbare Köstlichkeiten mitnahm. Dann schlugen wir einen Bogen Richtung japanischer Garten.

Renée neben dem Japanischen Garten im Plaza Sicilia

Da diesen zu besichtigen Eintritt kostete und wir knapp in der Zeit waren, ließen wir davon ab und spazierten um den japanischen Garten und Zoo herum, am botanischen Garten vorbei zurück Richtung Unterkunft.

Dort erhielten wir von einem freundlichen Engel eine ausgiebige, kräftige Massage, die sich vor allem auf Tänzerrücken und -Füße konzentrierte. Heftig, aber herrlich! Zum Abendbrot gingen wir auf Empfehlung unserer Unterkunftsgenossen ins „Bar du Marché“, einen hellen, kleinen Restaurant mit einer guten Käseauswahl, umwerfendem Lachstartar, perfekt auf den Punkt gebratenem Fisch, hervorragend gewürzter Reispfanne und leckerer Crème brulée. Diese kulinarische Wucht mussten wir erstmal mit einem Verdauungsschläfchen kompensieren. Das passt allerdings sehr gut, denn die anvisierte Milonga „La Viruta de Solana“ im Armenischen Kulturzentrum fing sowieso erst um Mitternacht an.

Halb eins trafen wir auf der Milonga ein. Es war bereits sehr gut gefüllt und wir hatten Glück, noch einen der allerletzten Tische zu bekommen (zugewiesen, versteht sich). Beim Betreten des Raumes sah man zuerst die Bühne mit dem DJ-Pult, von dem uns der Tanguero zuwinkte, mit dem ich zwei Tage zuvor im Gricel getanzt hatte. Was für ein Zufall! Die Tanzfläche war riesig, der Saal noch viel größer und die Stimmung bereits am Toben. Dazu trug sicherlich auch bei, dass gleich kurz nach unserer Ankunft – und auch im weiteren Verlauf –  ein paar lebenslustige Nicht-Tango-Titel (abwechselnd Rock’n’Roll und Latin ‚Tandas‘) gespielt wurden.

La Viruta – Lächeln, sie werden gefilmt 😉

Die Tänzer auf der Tanzfläche waren auch hier eine Augenweide: Obwohl hier die Harmonie nicht so perfekt war wie im Gricel, sah man auch an diesem Ort sehr viele ziemlich gute bis hervorragende Tänzer. Das Publikum war jedoch deutlich jünger bzw. gemischter. Zwischen den Tischreihen schlenderten immer wieder Tangotänzer herum, die sich wie zufällig plötzlich fürs Tanzen interessierten, wenn man sie als Frau anschaute. Das Konzept fand ich ganz gut, da sowohl ausweichen als auch zustimmen sehr leicht fiel und man nie jemanden hatte, der einem die Sichtachse zu anderen potentiellen Tanzpartnern dauerhaft verbaute. So kamen Anke und ich nach einigen Tänzen mit dem eigenen Partner, in denen man sich der Masse erstmals präsentierte, ziemlich gut an weitere Tänze.

Etwas später kamen wir auch in den Genuss von Live Musik des „Orquesta Típica Misteriosa Buenos Aires“, das aus drei Violinen, drei Bandoneons, einem Kontrabass und einem Klavier bestand und hervorragend tanzbare Lieder zum Besten gab. Nur die Sängerin konnte uns nicht wirklich überzeugen. Gegen drei Uhr morgens gab es einen Schichtwechsel: Viele Tänzer gingen, nicht wenige Tänzer kamen erst dazu. Und die Party ging unverändert weiter. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass die Stimmung kontinuierlich, von unserer Ankunft bis zu unserer Abfahrt super war. Allein dafür hat es sich gelohnt dort hinzugehen!

La Viruta morgens um 05:20

Um fünf rollte schließlich ein Wagen voller köstlich aussehender media lunas vorbei, diese Frühstückscroissantbrötchen, die hier so beliebt sind. Beharrlich winkten wir wiederholt Kellner heran, um diesen krönenden Abschluss der Nacht nicht zu verpassen. Erst um halb sechs kamen wir wieder zu Hause an. Müde. Aber glücklich.

Der erste Tag, Donnerstag

Im Laufe des Tages treffen wir auch auf Ricarda, unsere Vermieterin. Sie ist super freundlich, voller Energie und Tatendrang, erklärt uns die Küchen- und Tanzsaalbuchungsregeln, gibt uns Restaurant-, Einkaufs-, Finanz-, Stadterkundungs- und Milongatipps, organisiert uns kurzerhand eine Massageeinheit bei der Spezialistin ihres Vertrauens und hilft bei allen Anliegen weiter.

Erschöpft von der Reise gammeln wir ein bisschen herum, machen eine kleine Tour durch das Viertel, erwerben bei einer sehr hilfsbereiten Kioskdame eine Karte für die Subte mit ein bisschen Startguthaben und lernen weitere der vorwiegend deutschen Mitbewohner der Pension kennen. Am Abend lassen wir uns dann zu einem guten Essen in der Parilla (einem Steakrestaurant) „El Horno del Norte“ einen Block weiter zu Pfeffer- und Champignonsteaks, Grillspießen und Salat verführen. Gute Idee.

Mehr von Entdeckerlust als Tatendrang getrieben brechen wir anschließend noch zu unserer ersten Milonga in Buenos Aires auf. Die Wahl fiel auf den Club Gricel in San Cristóbal. Freundlich wurden wir am Eingang begrüßt und zu einem Tisch gebracht, der an einer Ecke der großen rechteckigen und von Säulen gesäumten Tanzfläche stand und damit einen ziemlich guten Blick bot. Um die Tanzfläche herum war der Boden mit weichem, dicken Teppich bedeckt. Die Wände hingen voller Bilder, vor allem mit Tangomotiven und am Ende des Raumes breitete sich eine lange Bar aus, über der in unübersehbar pink leuchtenden Lettern „Club Gricel“ stand.

Club Gricel

Allein der Raum strahlte bereits einen unwiderstehlichen Charme aus, der uns sofort gefangen nahm. Aber die Tänzer! Die Milonga ist nicht umsonst als Treffpunkt der alten Portenons bekannt. Ein sehr gepflegter Umgang, eine gute Ronda, das unsichtbare Finden der Paare am Anfang jeder Tanda. Es ist auch wahr, dass am Anfang jedes Liedes erstmal mindestens eine halbe Minute geredet wird, bevor sich das erste Paar in Gang setzt und den Tanzfluss auslöst. Am beeindruckendsten aber war, mit welchem Enthusiasmus, mit welchem Herzblut und mit welcher Vollkommenheit sich alle Tänzer mit jeder Faser ihres Körpers jede Sekunde des Tanzes ganz auf den Partner und nur auf den Partner und die Musik einlassen. Sie alle waren gute Tänzer, auch wenn man von außen betrachtet nicht gerade von besonders viel Abwechslung in der Interpretation und Ausführung sprechen könnte. Aber diese Hingabe der gesamten Gemeinschaft war magisch. Zwischen den Tandas lief auch ab und zu andere Musik, Salsa, Samba, diverse Folkloretänze.

Paare bei der Zamba tradicional, einem Folkloretanz ähnlich der Chacarera, nur langsamer und mit Tuch

Wie sie strahlten! Wie sie sich bewegten! Die meisten jungen Frauen in Berlin würden vor Neid erblassen, wenn sie sähen, mit welcher Ausstrahlung die Fünfzigjährigen ihre Jugend im Tanze wiederbeleben und wie hinreißend man sich ungeachtet von Alter und Figur bewegen kann, wenn man nur mit ganzem Herzen und ohne jede Bedenken dabei ist und sich von der Musik und dem Gefühl leiten lässt. Allein diese Erfahrung im Gricel war für mich bereits schon die Reise wert. Und dass mich gegen Ende unseres Aufenthaltes tatsächlich noch jemand zu einer sehr schönen Tanda aufforderte, war ein wunderbarer Abschluss meines ersten Tages in Buenos Aires.