Der achte Tag, Donnerstag

An diesem Tag wollten wir Gardel, Di Sarli, Pugliese und weiteren Helden unsere Aufwartung machen. Also brachen wir zu einem ausgiebigen Spaziergang zum 95 ha großen Friedhof La Chacarita auf. Allein aus architektonischer Sicht ist dieser Friedhof höchst interessant. Denn es gibt hier straßenweise steinerne Mausoleum zu Ehren der Toten wohlhabender Familien. Straßenweise ist wörtlich gemeint, denn man kann sich auch mit dem Taxi über den extrem weitläufigen Friedhof fahren lassen. Dank einer Eintragung auf google maps fanden wir relativ schnell zum Grab von Gardel. Das Mausoleum war über und über mit Gedenkplaketten von Angehörigen, Freunden, Fanclubs, Musikvereinen und

Gardels Grab

diversen staatlichen Institutionen bedeckt. Zahlreiche Blumen und Blumensträuße verschiedenen Alters lagen darauf oder klemmten dazwischen. Und über allem thronte die lebensgroße Statue von Gardel, aufrecht lässig stehend, in seine Hand hatte jemand eine Zigarette geklemmt. Ein älterer Herr kam dazu, sortierte liebevoll alle vertrockneten Blumen aus und erzählte uns mit großem Eifer auf Spanisch, wer Gardel war und dass zu seinem Todestag am 24. Juni die Gruft geöffnet würde und zahlreiche Pilger zu Besuch kämen.

Er erzählte noch viel viel mehr, obwohl wir nichts verstanden, aber entweder hat er das nicht mitgekriegt oder es hat Anke geglaubt, die ziemlich souverän bei jeder Pause „Si, si“ sagte und lächelte, als hätte sie gerade ganz viel Interessantes gehört. Ich selbst konnte nur wenige Worte identifizieren: Einmal zeigte er ein Stück die Straße hinunter und ich identifizierte die Worte derecha (=rechts; wobei er aber nach links zeigte),  compañero (Freund), silencio (Stille) und guerra mundial (Weltkrieg). Meine Versuche, diese Brocken in einen Sinnzusammenhang zu bringen, trugen intensiv zu Ankes Erheiterung bei.

Erster Versuch: Da hinten liegt ein Freund von Gardel, der im zweiten Weltkrieg stumm geworden ist. Tatsächlich fanden wir in der angegebenen Richtung das Grab von Celedonio Flores, der zahlreiche Tangotexte im Lunfardo-Dialekt geschrieben hat. Darunter zwar keiner,

Der „stumme Freund“

der Silencio hieß, aber einer namens Sentencia, was ich möglicherweise falsch verstanden habe. (Wobei ich betonen möchte, dass ein anderer Freund Gardels, José Razzano, mit dem er am Anfang seiner Schaffensphase lange als Duo aufgetreten ist, tatsächlich aus gesundheitlichen Gründen mit dem Singen aufgehört hat, also lag ich mit dem „stummen Freund“ gar nicht sooo falsch).

Eine der Galerien im Pantheon

Neben den ganzen kleinen Mausoleen fand man weiter hinten auch normale Friedhofsgräber. In der Mitte des Geländes gab es zudem mehrere, etwa zwei Stockwerke in den Boden gegrabene Galerien von Grabstätten, die aussahen wie Schließfächer für Urnen. Solche Fächer waren auch entlang der Innenseite der dicken, 7m hohen Friedhofsmauer zu finden.

Wir fragten uns durch und fanden schließlich auch eine Gruppe von Grabstätten, an denen einige weitere Tangohelden bestattet waren: Di Sarli als Reliefbild beim Klavierspiel, Pugliese als Klavier spielende Statue (mit vertrockneten Blumen in der Hand) unter einem Torbogen, De Caro und sein Bruder als Büsten, und Troilo, sitzend, mit einem Bandoneon auf dem Schoß und einem etwas durchhängenden Blumenstrauß unter dem Stuhl. Die Verehrung, die auf diesem Friedhof in Form von Blumen noch Jahrzehnte später diesen Künstlern zuteilt wird, ist wiedermal ein untrügliches Zeichen für den Stellenwert des Tangos in dieser Stadt.

Am frühen Abend statteten wir der kleinen Tanzschule La Maleva einen Besuch ab. Wir hatten von mehreren Seiten die Empfehlung bekommen, dass Mariana Dragone dort ganz hervorragende Technikkurse gäbe. Da wir etwas zu früh dort waren, konnten wir sie noch ein paar Minuten mit Gaston Torelli üben sehen; die beiden sollten am Samstag im DNI eine Show tanzen. Mariana ist energiegeladen, guter Dinge und schafft es sogar dreisprachig (spanisch, englisch, französisch) eine Technikstunde durchzuziehen. Wir beschäftigten uns viel mit Fußtechnik, genauer gesagt sauberes Abrollen über den ganzen Fuß, Achse, Dissoziation, Sprungbereitschaft, arbeiteten uns über Schritte zu Drehungen voran und bekamen immer wieder auch individuelles Feedback. Fast alle Übungen wurden ohne Partner durchgeführt, was die Stunde auch für Singlereisende sehr interessant macht. Wir waren nach fast 3h Training jedenfalls ziemlich fertig, aber auch insgesamt sehr zufrieden und können Mariana nur weiterempfehlen! Allerdings fehlte uns nach dem späten Abendessen im El Horno del Norte dann die Energie, nochmal weiterzuziehen.