Der sechste Tag, Dienstag

Der Rosengarten „El Rosedal de Palermo“ war heute 

unser erstesAusflugsziel. Hier macht es Spaß, ziellos herumzuschlendern, an den Rosen zu schnuppern, sich am Springbrunnen etwas Wasser auf die Haut zu spritzen oder sich im Schatten der Bäume auf die Wiese zu legen und etwas vor sich hin zu dösen. Auch Gänsejagd bietet sich hier an, aber Vorsicht, sie sind in der Überzahl!

Anschließend zeigte uns Anke im Zentrum noch eine tolle Ecke für alle, die Tangoschuhe einkaufen wollen und lauffaul sind: An der Suipacha 263 gibt es Falabella, daneben Todo Tango und direkt gegenüber das Suipacha256 (der Name ist die Adresse) für Tangoschuhe und -kleidung. Die Auswahl an Schuhen ist sowohl für Damen als auch für Herren riesig, aber alle Läden haben auch ein paar Klamottenständer mit drin. Sam hat im Suipacha auch ein Paar samtige, nachtblaue Tanzschuhe erstanden. Da wir sowieso schonmal unterwegs waren, zogen wir noch ein Stück weiter.

Man soll nicht glauben, dass alle Tangoklamotten in Buenos Aires brav in gut beschilderten Läden hängen. Wir hatten eine Empfehlung und eine Adresse für 4corazones, das nur an zwei Tagen pro Woche ein paar Stunden geöffnet hat. Die Adresse war auffindbar, aber an der Stelle nur eine größtenteils verdeckte Fensterscheibe mit allerlei Zetteln dran, doch nirgendwo stand 4corazones. Wir sind nochmal die Straße hoch und runter getigert, um zu schauen, ob wir etwas übersehen hatten, standen dann aber doch wieder vor dem zugeklebten Schaufenster, wo mir zuvor ein Zettel ins Auge gefallen war, auf dem etwas von „cursos de tango“ stand. Also betätigten wir auf gut Glück die einzige Klingel an dem Hauseingang. Jemand nahm ab, wir verstanden nichts, stammelten dann mehr schlecht als recht ein „4 corazones…?“ zusammen und bekamen eine Antwort, die in der Betonung für mich eher so klang, als wären wir falsch. Trotzdem hörten wir nach ein paar Sekunden den Summer der Nebentür und traten ein. Eine Frau fing uns ab – „cuatro corazones?“ – und führte uns in einem kleinen Raum im hinteren Teil des Gebäudes. Dort standen ein paar Kleiderstände mit Herrenhosen und Damen-Tangobekleidung, irgendwo hing auch ein Schild mit dem Emblem des „Ladens“ und ein Mann, der des Englischen mächtig war, empfing uns freundlich. Es stellte sich heraus, dass der Raum quasi das Hinterzimmer einer kleinen Tanzschule war. Die Aufregung hat sich letztendlich aber gelohnt: Das kleine Angebot umfasste ein paar sehr schöne Teile, die deutlich günstiger waren als was wir uns bisher in den Läden angeschaut haben (Größenordnung: ca. 40 statt 70-90 Euro für ein Tangokleid oder eine Herren-Tangohose). Eine Tangohose, zwei Kleider und zwei Nähinspirationen für Tangooberteile reicher (saß nicht perfekt, aber vielleicht kriege ich das Design ja selbst umgesetzt, ein bisschen Größenwahnsinn muss sein!) verließen wir den kleinen Laden wieder. Schräg gegenüber war auch gleich eine Schneiderei, bei der wir Sams Hose zum Kürzen abgeben konnten.

Ein kleiner Tipp noch zur Finanzierung: Fast alle Schuh- und Klamotten-Läden (selbst so einer) nehmen Dollar und Euro genauso gerne an wie Pesos: Bei uns haben sie den Preis immer zum tagesaktuellen Wechselkurs umgerechnet, ohne Aufpreis. Bei Zahlung mit Kreditkarte wird aber häufig etwas mehr verlangt (ca. 10% glaube ich), also besser zum Shoppen mit Barem ausstatten.

Zwei Blöcke weiter sollte es laut Hoy Milonga auch noch Tangomode von Clara Tango geben. Auch hier musste man wissen, wo man hinwollte. Wir hatten leider die genaue Wohnungsnummer nicht aufgeschrieben. Der Hausaufgang hatten 6 Klingeln und nirgendwo stand ein Name dran. Ziellos drückte ich eine davon, ein Mann ging ran und ich versuchte erneut mein Glück, indem ich einfach nur nach „Carla Tango…?“ fragte. Auch hier klang die Antwort nicht so, als wären wir richtig, aber auch hier wurde die Tür mit summendem Ton freigegeben. Da sich im Erdgeschoss nichts bewegte, kletterten wir die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort stand ein älterer Mann in seiner Haustür. Er erklärte mir geduldig und mit hilfreichen Gesten, dass ich noch ein Stockwerk über ihn müsste, zu der Wohnung genau über seiner. Die Leute sind echt superlieb und hilfsbereit hier!  Im zweiten Stock stand neben einer Wohnungstür tatsächlich ein Schildchen „Carla Tango“ und eine junge Tangotänzerin ließ uns herein. In ihrem großen, lichtdurchfluteten Wohnzimmer hingen verschiedene Modelle von Tangokleidern und -röcken, die das Tänzerinnenherz erfüllten. Man erkannte schon einige Stoffe aus anderen Läden wieder, aber die Modelle waren wohl ihre eigenen. Kleines Detail am Rand: Die Anprobe fand in der durch einen Raumteiler abgetrennten Küche stand. 🙂 Für mich blieb es bei einem Frühlingsrock. Trotz der etwas versteckten Lage und der begrenzten Auswahl kann ich sowohl 4corazones als auch Carla Tango sehr empfehlen, da beide viele schöne Modelle hatten und für Tangomode vergleichsweise günstig waren. Jetzt reicht es aber wirklich mit der Einkauferei!

Am Abend zogen wir noch zu der bekannten Milonga El Beso. Um die quadratische, steinerne Tanzfläche herum wurden Herren und Damen separat platziert: Jeweils an den zwei gegenüberliegenden Seiten dasselbe Geschlecht, so dass man nach recht und links schauend potentielle Tanzpartner im Blick hatte. Es war schon ziemlich voll bei unserer Ankunft, so dass Anke und ich in der zweiten Reihe und unsere Begleiter ganz hinten in einer Ecke untergebracht wurden. Denkbar unglückliche Ausgangspunkte für Cabeceos. Trotzdem haben wir Frauen überraschend viele Tandas auf der Fläche verbringen können. Es gab eine faire Aufteilung: Anke schnappte sich die Portenos, ich erwischte hauptsächlich Ausländer und Besucher (Italiener, Argentinier aus anderen Provinzen, u.a.).

Die Tänze waren gut. Trotzdem war ich am Ende des Abends nicht völlig überzeugt von der Milonga. Die Musikanlange war übersteuert und schlecht eingestellt. Als wir ankamen wurde eine Milongatanda gespielt, danach haben wir in den nächsten drei oder vier Stunden weder Vals noch Milonga gehört.

Eine Bier für zwei im El Beso – natürlich im Bierflaschenkühler, da sich die hiesigen 1l Flaschen zu schnell erwärmen

Sam bemängelte auch zutiefst unglücklich, dass auch zwischen den Tangotandas kaum Abwechslung war. Als wir das unseren guten Seelen der Pension erzählten, waren diese jedoch ziemlich überrascht, vielleicht haben wir musikalisch nur einen schlechten Tag erlebt. Die getrennte Platzierung hat an diesem Ort auf mich den Eindruck gemacht, als würden alle, die noch sitzen, sich die größte Mühe geben, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie leider wieder niemanden abbekommen haben. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Schon allein wegen der übereifrigen Klimaanlage war es mir selbst aber wichtig, viel in Bewegung zu sein. Insgesamt war es also tänzerisch für uns Mädels gut gelaufen, aber es wird mich in den nächsten zwei Wochen wohl nicht nochmal dort hinziehen.

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