Der vierte Tag, Sonntag

Trotz der langen Nacht standen wir am Sonntag schon kurz nach elf in den Startlöchern, denn der Markt in Monserrat/San Telmo, der sich von der Plaza de Mayo die Defensa hinunter bis zur Plaza Dorrego erstreckte, sollte in den frühen Stunden am schönsten sein. Es gab Vieles und noch viel mehr: Lederjacken, -gürtel und -taschen traf man zuhauf, Bilder verschiedenster Kunstrichtungen, Kästchen, Deko-Klimbim, viel Selbstgebasteltes (z.B. Schachteln aus alten Audiokassetten oder Schallplatten), Mate und Matebecher, T-Shirts, Souvenirs, Holz- und Metallwaren, Schmuck, Glasteller, Karaffen, usw. Es hat uns positiv überrascht, dass nur sehr wenige Stände die typischen China-Waren anboten. Dagegen war lokales Handwerk und Garagenbastelei stark vertreten, so dass es eine Freude war,

Straßenmusiker mit Dixiesound auf dem Markt

hindurchzuschlendern. An fast jeder Kreuzung, die man überquerte, standen kleine Wagen, die gebrannte Erdnüsse, frisch gepressten Orangensaft (man, war das wieder gut!) oder Empanadas verkauften. Am Ende des Marktes, auf dem Plaza Dorrego, gesellten wir uns für einige Minuten zu den Schaulustigen, die die Straßentangoshow bewunderten. Zwischendurch gab es auch eine kleine Gitarreneinlage. Auf der Suche nach einem Taxi kamen wir noch an einem winzigen Stand (also ein Tisch und eine Kühlbox) vorbei, an dem uns eine junge Frau erst auf Spanisch, dann auf Englisch und zum Schluss auf Französisch ihren französischen Ziegenkäse anpries und verkosten ließ. Damit war auch gleich das Abendessen gesichert.

Auf Empfehlung von Anke und Lutz gingen wir abends auf die Milonga in der Villa Malcolm. Wir konnten nicht ahnen, dass bereits im Taxi das Highlight unseres Abends auf uns warten würde! Kurz nachdem wir losgefahren war, fragte der Taxifahrer „Tango?“. Als wir bejahten, stellte er „Viejo rincón“ an und plötzlich brach aus ihm ein kräftiger, herzzerreißender, melancholischer und leidenschaftlicher Gesang hervor, dass es uns einfach umhaute!!! Er saß dabei auch nicht mehr ruhig da, es schien als würde jede Faser seines Körpers beteiligt sein, als stünde er auf einer Bühne und hätte nur diese eine Chance, das Herz seiner großen Liebe zu gewinnen. Das klingt übertrieben, aber er sang so inbrünstig, so selbstvergessen, dass man es wirklich nicht anders beschreiben kann (und ich schon Angst hatte, dass er vergessen könnte, dass er gerade ein Taxi zu steuern hat). Zudem sang er extrem gut, professionell, schätzten wir. Vermutlich sang er seit Jahren in einem Tango-Ensemble, musste sich aber mit dem Taxifahren den Lebensunterhalt verdienen. Nun, unser enthusiastisches Trinkgeld hat sicherlich einen Beitrag dazu geleistet.

In der Villa Malcolm hatten schon vier weitere Deutsche aus unserer Unterkunft eine kleine Tischreihe für uns organisiert. Die Villa Malcolm hat mich vom Flair her eher an eine schickere Turnhalle als an eine Villa erinnert, abgesehen von der Bühne. Vermutlich ein Gemeindesaal. Da wir sehr früh dort waren, konnten wir noch die letzten Minuten der vorherigen Praktika beobachten. Man sollte meinen, dass man dabei endlich auch ein paar weniger gute Tänzer sehen würde, aber weit gefehlt! Das Tanzniveau war wieder ziemlich gut, bis auf vereinzelte Ausnahmen. Ebenso auf der Milonga. Allerdings war hier die Atmosphäre nicht sehr förmlich, viele tanzten in besserer Alltagskleidung. Zudem sahen wir hier zum ersten Mal auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare. Die eine führende Dame trug ein schönes Shirt mit der Aufschrift: „Follow me – You gonna like it.“. Schöne Idee. Zumal sie einen wunderbar fließenden kraftvollen Tanzstil hatte. Ich hätte es gerne gewagt, aber sie war wohl nur zum Üben mit ihrer Tanzpartnerin da, jedenfalls verschwand sie nach der Praktika und der ersten halben Stunde Milonga und ward nicht mehr gesehen.

Villa Malcom

Interessant war auch die Beobachtung der Taxitänzer. Eine sehr kleine Frau hat auffällig viel mit einem sehr gut gekleideten, zwei Köpfe größeren Herren getanzt, der für den Rest der Damenwelt nicht verfügbar war. Zwei weitere Taxitänzer saßen an einem Tisch mit vier schwarz gekleideten jungen Argentinierinnen, die zu Besuch in ihrer Hauptstadt waren und trotz ihrer sehr geringen Tangoerfahrung schonmal etwas Milongaluft schnappen wollten. Die Herren taten dem aufmerksamen Beobachter manchmal schon etwas Leid, aber sie ließen sich nichts anmerken. Sehr professionell.

Unsere Damen kamen außerhalb unserer Truppe kaum zum Tanzen. Wir saßen in unserer Ecke sehr ungünstig, da in näherer Reichweite kaum Herren waren und wir als Gruppe wahrscheinlich eh in die Kategorie „Die wollen eh nur unter sich tanzen“ gesteckt wurden. Ich selbst habe mir zumindest einen Tanz errettet, indem ich wie zufällig genau zum Anfang einer Tanda von der Toilette zurückkehrte und dabei durch den Bereich ging, wo der Großteil der Herren saß und stand. Es wurde ein großer Chinese mit unglaublich schwungvollem, modernem Tanzstil, der Fliehkräfte liebte und bei dem mir glatt ein bisschen schwindelig wurde. Herausfordernd und interessant. Insgesamt war der Abend aber damit nicht allzu erfüllen gewesen. Tant pis, c’est la vie!

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