Der erste Tag, Donnerstag

Im Laufe des Tages treffen wir auch auf Ricarda, unsere Vermieterin. Sie ist super freundlich, voller Energie und Tatendrang, erklärt uns die Küchen- und Tanzsaalbuchungsregeln, gibt uns Restaurant-, Einkaufs-, Finanz-, Stadterkundungs- und Milongatipps, organisiert uns kurzerhand eine Massageeinheit bei der Spezialistin ihres Vertrauens und hilft bei allen Anliegen weiter.

Erschöpft von der Reise gammeln wir ein bisschen herum, machen eine kleine Tour durch das Viertel, erwerben bei einer sehr hilfsbereiten Kioskdame eine Karte für die Subte mit ein bisschen Startguthaben und lernen weitere der vorwiegend deutschen Mitbewohner der Pension kennen. Am Abend lassen wir uns dann zu einem guten Essen in der Parilla (einem Steakrestaurant) „El Horno del Norte“ einen Block weiter zu Pfeffer- und Champignonsteaks, Grillspießen und Salat verführen. Gute Idee.

Mehr von Entdeckerlust als Tatendrang getrieben brechen wir anschließend noch zu unserer ersten Milonga in Buenos Aires auf. Die Wahl fiel auf den Club Gricel in San Cristóbal. Freundlich wurden wir am Eingang begrüßt und zu einem Tisch gebracht, der an einer Ecke der großen rechteckigen und von Säulen gesäumten Tanzfläche stand und damit einen ziemlich guten Blick bot. Um die Tanzfläche herum war der Boden mit weichem, dicken Teppich bedeckt. Die Wände hingen voller Bilder, vor allem mit Tangomotiven und am Ende des Raumes breitete sich eine lange Bar aus, über der in unübersehbar pink leuchtenden Lettern „Club Gricel“ stand.

Club Gricel

Allein der Raum strahlte bereits einen unwiderstehlichen Charme aus, der uns sofort gefangen nahm. Aber die Tänzer! Die Milonga ist nicht umsonst als Treffpunkt der alten Portenons bekannt. Ein sehr gepflegter Umgang, eine gute Ronda, das unsichtbare Finden der Paare am Anfang jeder Tanda. Es ist auch wahr, dass am Anfang jedes Liedes erstmal mindestens eine halbe Minute geredet wird, bevor sich das erste Paar in Gang setzt und den Tanzfluss auslöst. Am beeindruckendsten aber war, mit welchem Enthusiasmus, mit welchem Herzblut und mit welcher Vollkommenheit sich alle Tänzer mit jeder Faser ihres Körpers jede Sekunde des Tanzes ganz auf den Partner und nur auf den Partner und die Musik einlassen. Sie alle waren gute Tänzer, auch wenn man von außen betrachtet nicht gerade von besonders viel Abwechslung in der Interpretation und Ausführung sprechen könnte. Aber diese Hingabe der gesamten Gemeinschaft war magisch. Zwischen den Tandas lief auch ab und zu andere Musik, Salsa, Samba, diverse Folkloretänze.

Paare bei der Zamba tradicional, einem Folkloretanz ähnlich der Chacarera, nur langsamer und mit Tuch

Wie sie strahlten! Wie sie sich bewegten! Die meisten jungen Frauen in Berlin würden vor Neid erblassen, wenn sie sähen, mit welcher Ausstrahlung die Fünfzigjährigen ihre Jugend im Tanze wiederbeleben und wie hinreißend man sich ungeachtet von Alter und Figur bewegen kann, wenn man nur mit ganzem Herzen und ohne jede Bedenken dabei ist und sich von der Musik und dem Gefühl leiten lässt. Allein diese Erfahrung im Gricel war für mich bereits schon die Reise wert. Und dass mich gegen Ende unseres Aufenthaltes tatsächlich noch jemand zu einer sehr schönen Tanda aufforderte, war ein wunderbarer Abschluss meines ersten Tages in Buenos Aires.

Ankunft in Buenos Aires

8:20: Mit einer halben Stunde Verspätung kommen wir nach 14h Flug endlich in Buenos Aires an. Schnell noch die Einreisepasskontrolle überwinden, schon  steht man in der total überfüllten Ankunftshalle, wo gefühlt mindestens zwei Drittel der Anwesenden mit Schildern versuchen, ihre unbekannten Schützlinge auf sich aufmerksam zu machen. Wir schlagen uns durch den Menschenwald in Richtung Treffpunkt McCafé bis wir einen älteren Mann entdecken, der gedankenversunken auf seinem Handy herumwischt und um den Hals ein Schild trägt, welches in kindlicher Druckschrift unsere Namen trägt. Ein paar freundliche Brocken Spanisch wurden ausgetauscht, aber größer war die Schnittmenge unserer Sprachkünste nicht. Sich zu helfen wissend, entschuldigte sich Juan Carlos mit Hilfe von google translator dafür, uns nicht weiter unterhalten zu können und hielt uns mit dieser technischen Errungenschaft auch während der Fahrt auf dem Laufenden.

Sicher kutschierte er uns durch den Großstadtverkehr, der sich vor allem durch eine endlose Zahl von Einbahnstraßen und eine großzügige Auslegung der Bedeutung roter Ampeln auszeichnete. Von den heruntergekommenen Baracken der Außenbezirke geht es über die zugebaute Innenstadt bis ins prenzlauerbergartige Palermo, wo wir plötzlich vor einer überaus unauffälligen und leicht übersehbaren kleinen Holztür anhalten. Kein Name am Türschild, nur die Adresse auf dem Klingelschild und ein doppeltes Türschloss. Wo sind wir nur gelandet?

Doch kaum ist die Tür aufgeschlossen, breitet sich vor uns ein großzügiger, gemütlicher Raum aus, der wohl ehemals ein Lichthof zwischen den Gebäuden war. Nun wird er von einem Glasdach überspannt, darunter Minibalkone an einigen angrenzenden Zimmern in den oberen Stockwerken und ganz unten die quadratische Tanzfläche mit Spiegelwand, auf der die hiesigen Tanzstunden abgehalten werden. Hinter einer Glaswand die Gemeinschaftsküche, in der bereits die ersten Frühaufsteher ihr Frühstück zubereiten, flüstern natürlich denn es ist 9:30 und damit noch dreieinhalb Stunden Nachtruhe aus Rücksicht auf die Tänzer, die von 12 bis 6 auf den Milongas unterwegs waren.

Entrée
Entrée, die zweite
Der Tanzboden
Der Tanzboden 2
Innenfassade 1
Innenfassade 2

 

Die Küche

 

Juan Carlos führt uns zielsicher eine Wendeltreppe hinauf, die zu den Zimmern führt. Unseres ist fast ganz oben, klein, aber sauber, mit großen Doppelbett, großem Kleiderschrank, einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen und einem der winzigen Balkone, von denen aus man wunderbar in den darunter liegenden Tanzsaal schauen kann. Das Bad ist eine Viertel Windung die Treppe hinab. Hinaufgehend erreicht man die bezaubernde Terrasse mit Grillecke zum Sitzen sowie zwei etwas höher gelegenen Liegestuhl-bestückten Sonnenanbeterecken, die verheißungsvoll im Schatten der Morgensonne auf die ersten Gäste warten.

Unsere kleine Sonnenterrasse

Wieder im Erdgeschoss angekommen, treffen wir Lutz und Anke, die bereits ein paar Tage vor uns angekommen sind und uns zu dieser Unterkunft gelotst haben. Sie laden uns kurzentschlossen ins Eckcafé auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein, mit Media Lunas (eine Art Croissant) und Tostados (Toast, der mit Creme fraiche und Aprikosenmarmelade bestrichen wird) und wunderbarem frisch gepresstem Orangensaft. Die warme Sonne des beginnenden Sommers entspannt die reisestrapazierten Glieder und in der Luft liegt die noch nicht ganz fassbare Gewissheit, dass nun, im November, endlich drei Wochen Sommer auf uns warten. Buenos Aires, hier sind wir!